Krawatte oder Fliege?

| AUTOR/IN DIESES BEITRAGS Philip Lücke | pro-manschettenknoepfe.de |

Um den Hals Krawatte oder Fliege?

Kaum ein anderes Kleidungsstück ist so bar jeden Nutzens, wie die Krawatte und die Fliege in der Garderobe des Mannes. Aber ist es nicht eben das, was einen Luxusartikel auszeichnet? Dessen einziger Sinn darin besteht, praktisch sinnlos zu erscheinen und gerade deswegen dessen Besitzer schmückt. Zu unrecht wird diesem wahrhaft freigeistigen und gar nicht festgeschnürten Gedanken in der Start-up-Kultur der letzten Jahre mit offenem Kragen begegnet, in dem Glauben, echte Lässigkeit entstünde durch den zu sehr gewollten Versuch, möglichst nonchalant aufzutreten.

Der Ursprung der Krawatte

Dabei spielt der männliche Halsschmuck in der Weltgeschichte eine geradezu legendäre Rolle. Bereits vor mehreren tausend Jahren wurden laut Überlieferung die ersten krawattenähnlichen Stofftücher verkauft. Kunden waren dazumal die ägyptischen Könige und Hohepriester, die ein buntes Tuch über den Schultern trugen, das ihnen dann als Dreieck vor der Brust hing. Dieser Schmuck galt als Symbol ihrer Macht. In der Antike trug man die sogenannte Focale, ein schmales Stück Stoff, das vor Schmutz und Kälte schützen sollte. Auch in China fand man einen Krawattenvorläufer. Als Teil der militärischen Kleidung trugen die Soldaten ein der Krawatte, wie wir sie uns heute umlegen, nicht unähnliches Gebinde um den Hals.

Doch die wahre Geburtsstunde des Langbinders als Kleidungsstück, das den Mann schmückt und Prestige symbolisiert, liegt wohl erst im Jahre 1663. Es war das Jahr, in dem König Ludwig der XIV einer Truppenparade vor dem noch im Bau befindlichen Schloss Versailles beiwohnte. Dort beobachtete er ein kroatisches Reiterregiment, deren Soldaten ein Stück Stoff, das mit einer Rosette befestigt war, um den Kragen trugen. Diese Beobachtung faszinierte den König so sehr, dass er die „Cravate“ auf dem Hof unter den Adligen verbreitete. Nur edelste Materialien wie Musselin oder Batistband wurde verwendet. Damals schlang der Träger das Tuch zweimal um den Hals und band es vorne zweimal mit einem großen Knoten zusammen. Oder aber man befestige das Tuch mit einer Schleife: der Vorläufer der Fliege.

Bald beschäftigte Ludwig sogar einen Cravatier, der sich um die Pflege der königlichen Cravate-Sammlung zu bemühen hatte. – Was der französische König allerdings nicht wusste: Schon während des Dreißigjährigen Kriegs trugen deutsche Soldaten eine Halsbinde, die der Cravate sehr ähnlich war. Ganz gewiss über den Ursprung der Krawatte kann man sich also nicht sein, allerdings sehr wohl darüber, dass sie ursprünglich vom Militär getragen wurde und kein reines Schmuckstück war, sondern in erster Linie eine Schutzfunktion besaß.
Eine ganz andere Funktion des Schlips vermutet hingegen der Psychologe Stephan Lermer. Ihm zufolge sei die Krawatte erfunden worden, um den Mann, der durch das Testosteron leicht in Rage zu bringen sei, die Blutzufuhr zum Gehirn zu drosseln. So könne männlicher Jähzorn gedrosselt werden. Ob dieser These Glauben geschenkt werden darf, scheint jedoch fraglich. Aber wem schadet ein kühles Gemüt schon?

Die erste Blütezeit erfuhr die Krawatte dann im 18. Jahrhundert. Für einen Höfling in Frankreich galt es als selbstverständlich mehrere hundert Krawatten sein Eigen nennen zu können und nicht wenige beschäftigten einen Cravatier, dessen Aufgabe darin lag, dem Gentleman täglich eine neue Auswahl an Bindern zu präsentieren, die Einzelstücke zu pflegen, und die für den jeweiligen Anlass passende herauszusuchen. Ein Fulltime-Job, denn Krawatten gab es damals bereits in allen Formen, Farben und Größen. Mit der Zeit bevorzugten die Träger aber einen länglichen, schlanken Schnitt, der Stoff sollte Leinen oder Seide sein.

Etablierung und Variantenreichtum

Beinahe gleichzeitig kam ebenfalls in Frankreich ein schwarzes Seidenband auf, dass am Hinterkopf befestigt die aufwendige Haarbeutelperücke zusammenhielt und vorne zu einer Schleife zusammengebunden wurde. Genannt wurde das Stoffstück Solitaire. Doch brauchte es von da an noch zirka einhundert Jahre, bis sich dieser Querbinder zur uns bekannten Fliege emanzipierte – von dessen Schleifenform Liebhaber nach wie vor begeistert sind.
Doch die Geschichte der Krawatte geht noch weiter: Während der Halsbinder sich längst in der Herrenmode etabliert hatte, entwickelte er während der Französischen Revolution eine ganz neue Rolle und wurde zum Politikum. Anhand der Krawattenfarbe präsentierte der Träger der Umgebung seine Gesinnung. Während der überzeugte Revolutionär schwarz trug, entschieden sich die Revolutionsgegner für weiß. Erstmals sollte durch die Wahl der Kleidung eine Botschaft vermittelt werden. Und auch das Weglassen der Krawatte gewann an Bedeutung: So verzichteten Dichter wie Schiller und andere Intellektuellen bewusst auf den Halsschmuck, um sich demonstrativ gegen das Aristokratentum zu positionieren.

Im 19. Jahrhundert, der Zeit der Dandys, pflegte man dann einen phantasievollen Umgang mit der Krawatte. Der Stoff wurde überproportional groß und extravagant geschnitten, mit Farben und Mustern experimentierte man wild. Auch konzentrierten die Männer sich zunehmend auf die korrekte Bindetechnik. So schlug Honoré de Balzac in seinem Werk „L‘Art de mettre sa cravate“ von 1827 insgesamt 28 Arten für einen kunstvollen Krawattenknoten vor, was der französische Adelige Saint Hilaire im selben Jahre noch mit zweiunddreißig verschiedenen Krawattenknoten überbot.

Heute aber beschränkt man sich in aller Regel auf 13 Knoten, wobei der komplizierteste neun Schritte benötigt und der einfachste drei:

  • einfacher Windsor Knoten
  • doppelter Windsor Knoten
  • Four in Hand Knoten (wohl der Klassiker)
  • Kent Knoten
  • Doppelknoten
  • American Shelby Knoten
  • Königlicher Victoria Knoten
  • Manhatten Knotten
  • Kreuzknoten
  • Grandchesterknoten
  • Prattknoten
  • Onassisknoten
  • Hanoverknoten

    Einige Zeit später, während der Industriellen Revolution, veränderte sich der Umgang mit dem Langbinder abermals. Der Schlips wurde zur Massenware. Aus einem Statussymbol, das den gesellschaftlichen Stand und guten Geschmack repräsentierte, entwickelte sich ein Pflichtaccessoire der Berufskleidung; Extravaganz war da fehl am Platz und für aufwendige Knoten hatte man keine Geduld. So konzentrierte sich die Form hin zum Schmalen und Praktischen, die Farben wählte man dezent. Das Symbol des Dandytums verkam zur Arbeiterkleidung.
    So ist es auch nicht verwunderlich, dass der scherzhaft genannte Kulturstrick in den 1960er Jahren als Synonym für Spießigkeit und Bürokratie galt. Die Hippies der 1970er dagegen ließen erneut die Krawatten aufblühen. Überbreite Schnitte und grelle Farben, ganz im Zeichen der Flower-Power wurden gewählt.

    Siegeszug der Fliege

    Die Fliege hingegen fand erst relativ spät breite Anerkennung, als ihr in den vierziger Jahren der Entertainer Frank Sinatra durch seine Auftritte zum großen Durchbruch verhalf. Seitdem gilt die Fliege auch außerhalb höchster adeliger Kreise als perfektes Accessoire für festliche Anlässe aller Art. Weswegen so gut wie jedes Modelabel heute Farbakzente mit ihrer Hilfe setzt. Die klassische Fliege aber bleibt weiterhin Schwarz oder Weiß.
    Und wie sieht es dieser Tage mit dem Schlips aus? Es macht den Anschein, als kämen die Halsbinder aus der Mode. Seit der Jahrtausendwende, und erst recht seit der Finanzkrise 2008, findet die Krawatte, Symbol für das Banken- und Finanzwesen geworden, kaum noch einen Träger. Von 2014 an gilt auch für den Schriftführer im Deutschen Bundestag keine Krawattenpflicht mehr und in der griechischen Regierung um Alexis Tsipras 2015 verzichtete man bewusst auf einen Halsschmuck, um sich als uneitlen Macher zu präsentieren.
    Tatsächlich bedeutet dieser Trend zum blanken Hemdkragen aber weder für die Krawatte noch für dessen Liebhaber eine bedauerliche Entwicklung. Im Gegenteil. Die Krawatte erfährt gerade dadurch, dass sie in der Arbeitswelt nicht mehr für notwendig erachtet wird, eine neue Freiheit. Der Mann kann nun wieder mit Farben und Formen spielen und kleidet sich mit ihr nicht aus einem Zwang heraus. Für die Krawatte entscheidet man sich heute gewollt. Mit diesem Bewusstsein kann der stilbewusste Träger für den männlichen Halsschmuck eine Renaissance einläuten, in der die Krawatte wieder ein Zeichen für Lebensart, Noblesse sowie Körper- und Selbstbewusstsein darstellt. Das Tragen von Schlips und Fliege verrät nach wie vor viel über den, der sie um den Hals gebunden hat – vielleicht nur etwas anderes als über den Banker der 90er Jahre. Die Krawatte gewinnt also den Status eines Luxusgegenstandes zurück, der über den Menschen, der sie spazieren führt, eine Aussage trifft, wie kein zweites Modeaccessoire.

    Was es zu beachten gilt

    Wer sich allerdings für das Anlegen einer Krawatte ausspricht, sollte einige Punkte beachten. Während in den 1990er galt, dass die Spitze der Krawatte auf Höhe des Hosenbunds liegen soll, hat sich inzwischen eine kürzere Trageweise durchgesetzt, bei der zwischen Gürtel und Krawattenspitze etwas weniger als eine Handbreit Platz bleibt. Bei der Wahl des richtigen Knotens sollte auf die eigen Halsbreite achtgegeben werden, ein zu schmaler Knoten kann hier unvorteilhaft erscheinen. Ansonsten darf nach eigenen Vorlieben verfahren werden. Das Gleiche gilt für Krawattenklammer und -nadeln. In manchen Unternehmen ist ihr Gebrauch von der Kleiderordnung untersagt, doch generell kann der Mann hier experimentieren.
    Achtgeben sollte er nur darauf, dass die Krawattennadel zu eventuellen Manschettenknöpfe und Gürtelschnalle passt, vor allem was das Material betrifft. Zu goldenen Manschetten ist eine silberne Nadel ein No-go. Gekonnt umgesetzt, zeigt der Träger durch das bewusste Spiel mit diesen Feinheiten aber nicht nur Stilempfinden, sondern drückt auch seine Individualität aus.

    Die Krawatte trägt man üblicherweise zum Anzug. Bei der Wahl des Hemdkragens kann man sich zwischen dem weit auseinandergezogenen Haifisch-Kragen, dem klassischen Kent-Kragen und dem geknöpften Button-down-Kragen entscheiden. Grundsätzlich gilt: Je breiter der Kragen, umso breiter dürfen Krawatte und Krawattenknoten ausfallen. Bei der Farbwahl sollte man beachten, dass die dominante Farbe der Krawatte einen Farbton des Hemdes oder des Jacketts widerspiegelt, oder zumindest zu einer der Beiden komplementär ist. Das Muster wiederum muss stets stärker sein, als das des Hemdes. Hier kann man wählen zwischen College-Streifen, Karo, Punkte, Paisley oder schlicht einfarbig. Bei Feierlichkeiten sollte man besser von groben Mustern Abstand nehmen, puristisches Unterstatement lautet die Devise. Andererseits bieten spezielle Festanlässe wie Hochzeiten oder Candle-Light-Dinner auch die perfekte Gelegenheit, anstatt zum Schlips einmal zur Fliege zu greifen. Ein Muss ist die Fliege sogar, wenn auf der Einladung als Dresscode Black Tie angegeben ist. Zur schwarzen Fliege trägt der Mann einen traditionellen Smoking und ein weißes Hemd mit Umlegekragen, verdeckter Knopfleiste und Doppelmanschette mit Manschettenknöpfen.

    So lässt es sich abschließend mit der Feststellung des Dandys Oscar Wilde halten: „Eine gut Gebundene Krawatte, ist der erste seriöse Schritt im Leben.“

  • Vorheriger Beitrag
    Der Wintermantel für den Herrn
    Nächster Beitrag
    Frühlingsoutfit für Herren
    2004 - 2017 © pro-manschettenknoepfe.de | *Gratisversand nur innerhalb Deutschlands
    Warenkorb (0 Artikel)
    Sie haben noch keinen Artikel ausgewählt!